Botox - Gift oder Wunder

Fernseh-Moderatorinnen mit auffälliger glatter Stirn und maskenhafter Mimik sind inzwischen gang und gäbe. Prominente von Madonna bis zum ewig jungen Sir Cliff Richard schwören auf den trendigen Faltenkiller Botox.
Doch das biologische Supergift wird - entgegen den Warnungen vieler seriöser Ärzte - nicht nur auf "Botox-Partys" zwischen Lachsschnittchen und Prosecco als kosmetische Verjüngungskur gespritzt.

Botulinumtoxin (lat.: botulus = Wurst, griech.: toxikon = Gift; Eiweiß eines Bakteriums, das Lebensmittelvergiftungen hervorruft) wird als neue Wundermittel der Medizin gehandelt.

Einige Ärzte wie der Neurologe Prof. Robert Daroff, Präsident der US-Kopfschmerzliga, sprechen von Botulinum bereits als dem "Penicillin des 21.Jahrhunderts". Tatsächlich wird es als hochwirksames Arzneimittel etwa in der Migräne-Behandlung, bei Rückenschmerzen oder bei Schlaganfall-Therapie erprobt.

Doch nicht wenige Wissenschaftler warnen vor einem leichtfertigen Umgang. Experten sagen, welche Vor- und Nachteile Botulinum-Behandlungen tatsächlich haben.

Fältchen

Das Gift (Handelsnamen "Botox","Dysport") blockiert die Signal-Übertragung von der Nerven- zur Muskelzelle, so dass die Haut im Injektionsareal nicht mehr in Falten gelegt werden kann.
Nach 2 und 3 Injektion verlernt der Muskel die Bewegung und Faltenbildung nimmt ab. Man kann Botoxinjektionen in Kombination mit Hyaluronsäurepräparaten kombinieren, um einen besseren Effekt der Faltenglättung zu erzielen. Dr. Harald Bresser, Dermatologe aus München:"Gute Effekte lassen sich bei fast allen mimischen Falten erzielen, die sich noch nicht zu tief eingegraben haben."

Nach etwa sechs Monaten muss erneut gespritzt werden (ca. 350-500 Euro/Behandlung), weil das Gift vom Körper abgebaut wird. Leider hilft es nicht allen. Hautarzt Dr. Boris Sommer, Rosenpark-Klinik, Darmstadt: "Von Botox profitieren vor allem jüngere Frauen mit elastischer, praller Haut."

Was dagegen spricht: Bei empfindlichen Personen sind allergische Reaktionen auf Eiweiße im Präparat möglich, die zu einem anaphylaktischen Schock führen können.
In Ausnahmefällen kann es bei der kosmetischen Botox-Anwendung aus zu kleineren Lähmungen im Einstichbereich kommen. Sie verschwinden allerdings nach 3 Monaten, wenn die Substanz abgebaut wird.

Wenn die Spritze nicht gezielt gesetzt wurde, können auch angrenzende Muskeln gelähmt werden. Chefarzt Dr. von Hesler, Klinikum Emil von Behring, Berlin: "Man sieht immer wieder Patienten, die z.B. ihre Augen nicht ganz schließen können, weil versehentlich etwas Botox an einen falschen Muskel gekommen ist. Diese Komplikationen sind leider keine Seltenheit, deshalb ist es wichtig die Behandlung nur von einem erfahrenen Arzt durchführen zu lassen. Fragen Sie Ihren Arzt, ob er eine Ausbildung über diese Therapiemethode gemacht habe. Dann sind Sie auf der sicherer Seite!

Kopfschmerzen

An der Schmerzklinik Kiel wird Botox zur Schmerzlinderung in bestimmte Kopfhautbereiche gespritzt.
VITAL-Experte Prof. Hartmut Göbel: " Diese Methode ist für Patienten mit Spannungskopfschmerzen die einzige echte therapeutische Neuerung in den vergangenen 50 Jahren." Zusammengepresste, gereizte Nervenbahnen beruhigen sich, die Muskeln werden wieder besser durchblutet, der Kopfschmerz verschwindet. Die Wirkung tritt zwei bis zehn Tage nach der Injektion ein, hält maximal sechs Monate an. Die Kassen zahlen, wenn die Behandlung ärztlich empfohlen wird.

Migräne

Bei Migräne dagegen "hat das Toxin zwar offenbar bei einigen Patienten schmerzbremsende und entzündungshemmende Effekte, die unabhängig von seiner krampflösenden Wirkung auf den Muskel sind", so der US-Neurologe Prof. Stephen Silberstein, Thomas Jefferson University, Philadelphia. " Wir wissen aber nicht, bei welchen Migräneformen es wirkt, auch nicht, bei welchen Patienten. Es wäre verfrüht, das Mittel als Standardtherapie statt üblicher Triptane anzuwenden." Allerdings ist ein Injektionsversuch nach zahlreichen Therapiemethoden ohne Wirkung es allemal Wert.

Übermäßiges Schwitzen

An den Universitäts-Hautklinik München wurden in einer großen Studie Patienten mit Botox behandelt, die unter krankhaftem Schwitzen litten. Nach einer Woche sank die Schweißproduktion um mehr als zwei Drittel. Die Wirkung hielt fast ein halbes bis zu einem Jahr an.

"Botulinumtoxin ist hier eine sehr effektive und relativ nebenwirkungsarme Therapie", sagt Prof. Wolfgang Jost, Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden. Aber:" An Händen und Füßen ist die Behandlung schmerzhaft." Die Behandlung der Achseln kostet rund 400 - 600 Euro. Die Kassen übernehmen die Kosten nur im Einzelfall.

Schielen und Lidkrämpfe

Bei bestimmten Formen des Schielens wird Botox in denjenigen des sechs Augenmuskeln gespritzt, durch den das Auge zu weit nach innen oder außen gezogen wird.
Der Muskel erschlafft, das Auge richtet sich wieder gerade. Prof. Holger Busse, Direktor der Universitäts-Augenklinik Münster: "Ebenso wichtig ist diese Therapie bei beidseitigem Lidkrampf. Diese Muskelkrämpfe können bis zur zeitweiligen Blindheit behindern." Neue Studien nennen Erfolgsraten zwischen 82 und 100 Prozent. Die entspannende Botox-Injektion hält etwa drei Monate.

Schlaganfall Nach einem Schlaganfall können Patienten ihre Hände oft nicht mehr öffnen oder nicht mehr richtig gehen. Hier hilft Botox: Das Gift wird direkt in die betroffenen Muskeln gespritzt. Die Wirkung hält ca. drei Monate an und kostet bis zu 500 Euro pro Injektion.

Rückenschmerzen

Einige Experten wollen Botox auch bei massiven Rückenproblemen anwenden. Doch es gibt hier Probleme: " Die Rückenmuskeln sind sehr groß und liegen tief", sagt Prof. Göbel. "Da lässt sich Botulinumtoxin nur durch besonderen Aufwand gezielt anwenden, zum Beispiel durch Kontrolle per Ultraschall oder Computertomographie, was aber sehr teuer werden würde." Bei den spastischen Kontrakturen oder Lähmungen wird das immer häufiger angewandt.

Probleme mit der Nackenmuskulatur Wenn Botox im Bereich der Halswirbelsäule und des Nackens gespritzt wird, kann es bei den Patienten ab und zu zu Sprech- und Schluckstörungen kommen. " Bei immerhin 30 Prozent der Patienten kann eine Schwächung der Nackenmuskulatur eintreten", so Dr. Bresser. Vergleichbare Nebenwirkungen treten auch bei der Halsfalten-Korrektur auf.

Analrisse oder Fissuren

Bei diesen Erkrankungsbildern ist Botox auf dem Vormarsch, denn dadurch können operative Analhautresektionen vermieden werden. Nach der Injektion (Kosten 150-200 Euro) wird der Muskel um den Riss lahm gelegt, und die Wunde kann innerhalb 3 Monaten abheilen. Vor allem unmittelbar nach der Injektion nehmen Symptome wie Brennen, Schmerzen und Jucken stark ab. In einzelnen Fällen kann es zu Sphinkterinkontinenz mit flüssigem Stuhlabgang kommen, aber diese Nebenwirkungen können mit der Dosierung vermieden werden.

Plexus brachialis Lähmung(Lähmung der Armmuskulatur)

Während dieser Erkrankung kommt es häufiger zur Bildung von Gelenk- oder Muskelkontrakturen im Ober- oder Unterarm vor. Diese sogenannte Kokontrakturen können mit Hilfe der Botoxinjektionen (Kosten 150-200 Euro) für 3 Monate ausgeschaltet werden. Dann hat man 3 Monate Zeit die gegenseitige schlafe Muskulatur aufzutrainieren.
Die Krankenkassen übernehmen die Kosten bei medizinischer Indikation.